Das Loire-Tal - seit 2001 UNESCO Weltkulturerbe
Seit 2001 zählt das Loire-Tal zum UNESCO Weltkulturerbe – in der Rubrik „lebende Kulturlandschaften“.
Mit 280 Kilometer Länge (von Sully-sur-Loire im Loiret bis Chalonnes-sur-Loire im Anjou) handelt es sich dabei um
das größte französische Gebiet auf der UNESCO-Liste.
Das Loire-Tal in Zahlen
Fläche 800 km², 1,2 Millionen Einwohner, zwei Regionen (Loiretal der Schlösser
und Pays de la Loire), vier Départements (Loiret, Loir-et-Cher, Indre-et-Loire, Anjou), sechs Verbandsgemeinden
(Orléans, Blois, Tours, Chinon, Saumur. Angers), ein regionaler Naturpark (Loire-Anjou-Touraine) und 160 einzelne Gemeinden;
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Fällt das Wort "Loire", denkt der kultivierte Mensch an Schlösser ohne Ende.
Der eine ganz wild darauf, jeden Tag zig Schlösser in sich aufzusaugen; der andere winkt ab, meint,
das Fleckchen Frankreich sei nichts für ihn, "nur" Schlösser...
Der Weg von der Quelle zur gemächlichen "Grande Dame" Loire
Also beschloss ich, wenn ich einmal in das Tal der Loire komme, Ausschau nach
Kleinoden abseits des über eintausend Kilometer langen Flusses zu halten.
Und es kam dann stets zu dem von mir hier
geschilderten Kompromiss aller Mitreisenden: Loire - ja, Schlösser - nein, Schlösser - ja, aber...
Der Fluss hat seine Quelle in der Region Auvergne im Zentralmassiv von
Frankreich, nahe dem Städtchen Le Puy-en-Velay. Ein Wallfahrtsort mit zwei Vulkankegeln mitten
in der Stadt. Auf dem Einen eine überdimensionale Marienstatue aus Eisen, auf dem Anderen ein
Kirchlein. Sein Wasser berührt die Region Rhône-Alpes im nach ihm benannten Départemente Loire,
begrüßt wohl auch das Burgund und bekommt auch dort ein Département gewidmet, das Département
Saône-et-Loire und erreicht Nevers, die Stadt von Bernadette Soubirous, der die Muttergottes 1844
erschienen ist. Nun hat die Loire die Region Centre erreicht und damit auch jene Zone, die wir
im Allgemeinen bei einer Loire-Reise auch besuchen. War sie bisher nach Norden geflossen, beschreibt
sie nun einen Bogen nach Westen und nimmt ab Orléans Kurs auf den Atlantik. Noch einmal wird der
großen Flussdame gehuldigt, gar eine Region erhält ihren Namen: Pays-de-la-Loire, Länder der Loire,
und sie erreicht westlich von Nantes den Atlantik. Im Jahr 2000 wurde ein Teil
des Loire-Tales zwischen Chalonnes (westlich
von Angers) über Tours, Blois, Orléans bis Sully-sur-Loire (südöstlich von Orléans) von der
UNESCO zum Weltkulturerbe der Menschheit erklärt.
Schlösser vieler Jahrhunderte, Atomstromkraftwerke vieler Widerstände, die
Wiedergeburt der Reise der Lachse stromaufwärts, der Abriss aller Staudämme, die reiche Geschichte
und die vielen Reisewege. Wahrlich, das Tal der Loire ist kein Ziel eines Wochenendtrips, schon
gar nicht, wenn man auch noch das Land im Schatten der Loire erleben möchte.
Mönche, Höhlen und Mächtige
Nach einer gemächlichen Fahrt von
Mont Saint Michel in der
Normandie auf der
Autobahn, vorbei an Rennes, der Hauptstadt der Region
Bretagne, erreiche ich Angers, an den Flüssen
Maine und Loire gelegen. Nicht die unzähligen Schlösser möchte ich abklappern, abhaken, abgrasen;
nein, ich schlängle mich ein kleines Stück der Loire entlang, um dann südlich der Loire
in die Kleinstädte und das Land einzutauchen. Von Angers nimmt man am besten die D952,
die am nördlichen Ufer der Loire gen Osten führt. Im Fluss tauchen immer
wieder Sandbänke auf, die Ufer sind grün verwachsen, die Dörfer
ursprünglich. Seit gut 100 Jahren ist die Loire schiffbar, wenn auch nicht
ganz bis zu ihrer Quelle. Doch der so gemächlich seiner Wege ziehende Fluss hat
nichts von seiner Unberechenbarkeit verloren. Plötzlich sinkender Wasserspiegel ließen
schon in früheren Zeiten die salambardes, 28 bis 30 Meter lange Schiffe aus Tannenholz,
die bis zu 35 Tonnen an Lasten transportieren konnten, wochenlang, ja monatelang in einem Hafen
festsitzen.
Bei Les Roisiers-sur-Loire wechsle ich auf die südliche Uferseite, wo das Gebiet
der Höhlen im Anjou beginnt. Im weichen Kalkgestein, tuffeau genannt, und in Muschelsandstein,
falun bezeichnet, wurde ein rund 1.500 Kilometer langes System an Gängen und Höhlen im
Laufe der Jahrhunderte gegraben. Allein im Dorf Rochemenier befinden sich 40 Bauernhöfe in 250
Höhlen, die heute ein eindrucksvolles Museum darstellen. Aber auch als Weinkeller, für
Champignonzuchten, Restaurants und Lager wurde dieses Gebiet wie ein Schweizer Käse gelöchert und
ausgehöhlt.
Samur, eine idyllische Kleinstadt mit noch idyllischeren Ausblicken
von ihrem Schloss über der Loire, ist auch eine Stadt der Pferde. In der 1763 gegründeten
Ecole d'application de l'armée blindée et de la cavalerie wurde eine Elitetruppe der Reiterei
ausgebildet. Heute leistet man sich neben einer Offiziersschule der Panzerdivision noch immer den
Luxus einer Kavallerie. Übrigens, wer vom Schloss aus herrliche Aufnahmen schließen möchte, kann
dies ohne Eintritt tun - der Zugang zur Aussichtsterrasse ist frei.
Nur wenige Kilometer südöstlich steht eine der imposantesten und bedeutendsten
Abteien Frankreichs - die Abbaye de Fontevraud, Pilgerstätte hunderttausender
Engländer. Liegt doch da der mächtigste englische Herrscher des Mittelalters begraben: Heinrich II.
Platagenet
mit seiner Frau Eleonore von Aquitanien, einer Region "gleich um die Ecke". Ihr Sohn, nicht minder
bekannt, war Richard Löwenherz, der am Rückweg von einem Kreuzzug in Dürrnstein in der
Wachau festgehalten wurde, von seinem Getreuen, dem Bänkelsänger Blondel, gefunden und mit viel Lösegeld wieder
freigekauft wurde. Neben den Grabmälern der königlichen Hoheiten lohnt aber auch der Besuch der
Klosterküche. Ausmaße und architektonische Feinheiten beeindrucken.
Aha ja, von 1115 bis 1792, bis zur Auflösung des Klosters gab es 36
Äbtissinnen, davon 16 aus königlicher Familie; über 14 Hektar bedeckt die
größte klösterliche Gebäudeeinheit Europas.
Ich verlasse das Tal der Loire, fahre südlich die Vienne entlang durch das
Département Toraine, jenem Gebiete südlich von Tours mit den bekannten Schlössern Chenonceau, das
mit der der romantischen Brückengalerie über den Fluss Cher, Azay-le-Rideau, Villandry mit der
hübschen Gartenanlage, Amboise, das "italienische" Schloss an der Loire mit "Le Clos-Lucé",
wo der berühmte italienische Wissenschafter,
Architekt und Maler Leonardo da Vinci am 2. Mai 1591 im Alter von 67 Jahren verstarb, und Chinon.
Bei letzterem lege ich einen Stopp ein. Hier residierte der aus Paris von den Engländern vertriebene
König Karl VII. und hier trinke ich ein Glas Cabernet Franc, einen guten Tropfen Chinon.
Zur ehemaligen Poststation aus dem 18. Jahrhundert, dem
Hotel Chevalblanc, meiner Herberge für heute, ist es nicht mehr weit. Sie ist in Saint Maure de
Touraine, einer wichtigen Straßenkreuzung. Ein schöner Garten, ein nettes
Restaurant und Zimmer dem 3-Sterne-Standard in Frankreich am Land entsprechend.
Mittelalter, Außenminister und Steinreiche
Nach einem guten Frühstück geht es ostwärts weiter in eine Stadt mit einem der
bedeutendsten mittelalterlichen Ensembles, Loches. Auf einem Felssporn liegt die
mit einer fast zwei Kilometer langen Mauer umwallte "Cité Medievale", die "mittelalterliche Stadt".
Die Stadt empfängt mich trotz August in grauen, ja fast regnerischen Farben, zeigt sich von einer
eher düsteren Gestalt. So düster wie auch mancher geschichtlicher
Abschnitt des Schlosses. Der Herzog von Mailand, Ludovico Sforza, saß hier
1500 eingekerkert und bemalte in seiner Gefangenschaft sein Verlies.
Vorher waren hier Karl VII. mit seiner Mätresse Agnès Sorel zu Hause, später
dann Ludwig XII. Heute bietet der Ort einen mittelalterlichen Nachtmarkt mit Gauklern und Musik
am 3. Donnerstag im Juli und August.
Es geht weiter durch Landschaft, aber auch die vergeht, und ich komme nach
Valencay. Das mächtige Schloss hatte im 16. Jahrhundert ein Finanzmann
errichten lassen. Im 19. Jahrhundert erwarb der Außenminister von Napoléon, Talleyrand, auf
dessen Wunsch, das Schloss. Hier empfing er Staatsgäste, hierher verbannte Napoléon den
spanischen König Ferdinand VII., der hier von 1808 bis 1814 bewacht wurde.
Wer gerne etwas weniger Geschichte und mehr zu sehen wünscht, dem sei das Musée
l'automobile, das Automobilmuseum empfohlen. Über 60 Karossen, vom Renault Baujahr 1907
über die berühmteste Ente Frankreichs, den 2CV Citroën erwarten den Besucher.
Nach so viel Geschichte lasse ich mich in einem Restaurant in der Kleinstadt
Vierzon an der Cher zu einer mittäglichen Stärkung nieder, bevor ich weiter nach
Bourges aufbreche. Bourges, Hauptort des Département Berry, knapp 100.000 Einwohner,
eine herrliche Kathedrale, Gassen mit Fachwerkbauten, Adelspaläste entlang der Stadtmauer. Die
Kathedrale Saint-Etienne wurde 1992 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Die Glasmalerei
der Kirchenfenster zählt zu den größten mittelalterlichen Schätzen, die Frankreich zu bieten hat.
Der wohl interessanteste Sohn der Stadt war Jacques Coeur, der um 1400 hier geboren wurde. Sein
Vater, reicher Pelzhändler, brachte den Geld-Grundstock für die Handelsflotte von Coeur im
Mittelmeer mit, die ihn zum reichsten Mann im französischen Königreich werden ließ. Es gab so
gut wie niemanden vom Königshaus und Adel, der sich nicht bei ihm Geld geborgt hatte. Aber wie
das so mit reichen Menschen im Mittelalter war. Neid und Intrige brachten ihn zunächst ins
Gefängnis, dann floh er zum Papst nach Rom und starb im Kampf gegen die Türken. Sie sollten
sich das Palais Jacques Coeur nicht entgehen lassen, eines der wenigen erhalten gebliebenen
Beispiele profaner gotischer Architektur in Frankreich!
Ein Seitensprung
Abends erreiche ich Nevers und damit schon das Burgund, über das ich euch
in einer anderen Reisegeschichte erzähle. Doch möchte ich noch ein paar Worte über ein Gebiet
schreiben, das sich im Bogen der Loire zwischen Blois, Romoratin-Lanthenay, und Gien-sur-Loire
erstreckt: die Sologne. Ein unfruchtbares Heideland von gut 30 x 60 km Fläche
zwischen Loire und Cher mit 1.001 Teichen, den étangs. Keiner hat sie jemals genau gezählt.
Entstanden sind diese Teich erst im Mittelalter durch die Rodung der riesigen Wälder von Kirchenfürsten,
Königen und anderen Reichen und Adeligen. Die Menschen selbst waren bettelarm und hatten eine
Lebenserwartung von kaum 30 Jahren. Sumpffieber war an der Tagesordnung. Erst unter Napoléon III.
im 19. Jahrhundert besserten sich die Lebensverhältnisse der Menschen. Das riesige Gelände wurde
zu Jagdrevieren von Industriellen, Geschäftsleuten und Neureichen aus Paris. Sie zäunten ihre
Jagdgründe ein, was heute beim Wandern oder Radfahren durch die Sologne ärger- und hinderlich ist.
Eines dieser Jagdgründe ist aber dennoch für alle zugänglich und sein Besuch empfehlenswert: der
Park von Chambord mit dem gleichnamigen interessanten Königschloss.
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Bilder zum Vergrößern anklicken

Die Festungsmauern von Angers

das Schloss von Saumur

In der Abtei von Fontevraud
die Grabstätten von Heinrich II. und seiner Gemahlin in Fontevraud

die Klosterküche von Fontevraud

die Kathedrale von Bourges
Nevers
Schloss Chambord an der Loire
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