In das nördliche Latium in die so genannte Tusica
ein Streifzug rund um den Bolsena See

  • Italien, Latium, Tuscania in der Nähe des Bolsena-Sees

    Orvieto liegt im Licht der untergehenden Sonne, als ich die Ausfahrt der "Autostrada del Sole" bei Orvieto verlasse. Ich fahre um die alte Stadt herum, die auf einem Tuffkegel thronend, aus der Landschaft ragt. Die Straße führt einen Gegenhang westlich der Altstadt von Orvieto hinauf. Beim Friedhof bleibe ich wie immer gerne stehen und erlebe ein Farbenschauspiel, wie es nur das Licht Italiens zuwege bringt. Die mit Mosaiken verzierte Fassade des Doms liegt jetzt genau in den Strahlen der untergehenden Sonne und das weiche Vulkangestein schimmert in warmen Brauntönen. Im Geiste höre ich die unzähligen Kameraklicks der Reiseteilnehmer meiner Gruppenreisen. Doch heute bin ich alleine und genieße den Anblick in Stille. Über eine kleine Hochebene führt die Straße, jetzt schon abseits des hektischen Fernverkehrs. Bald biege ich auf eine schmale Straße ab. Sie windet sich in zahllosen Kurven in einen erloschenen Vulkankrater hinunter, der heute mit einem See gefüllt ist, dem Bolsena-See.

    Ich bin wieder einmal da. Angekommen in einer der schönsten und italienischsten Gebiete für mich, in der Tuscia. Tuscia ist die alte geographische Bezeichnung für ein Gebiet zwischen Umbrien, der Südtoskana und dem Bracciano See, dem ehemaligen Südetrurien. Es war das Kernsiedlungsgebiet der Etrusker, der "Urbevölkerung" Mittelitaliens.

    Jede Kurve gibt einen neuen, faszinierenden Blich auf den See und seine Dörfer frei. Der See liegt wie ein fast runder Tropfen vor mir: 151 m tief und 43 km Umfang - der fünft größte See Italiens. Mein Auto rumpelt über das Kopfsteinpflaster mitten durch den Ort Bolsena und dann durch eine lange Platanenallee. Mein Hotel liegt wie fast alle Übernachtungsmöglichkeiten hier direkt am See. Ich schlendere das Ufer des Sees entlang. Eine kleine Bar mit Stühlen am See, daneben ein auf Stelzen in den See gebautes Restaurant. In der Umgebung sehe ich noch weitere kleinere Restaurants, die entweder direkt am Ufer gebaut oder nur durch eine mäßig befahrene Uferstraße vom See getrennt sind. Die Sonne ist jetzt schon fast untergegangen, als ich mich zu einem Glas "Est-Est-Est" niederlasse. Es ist ein herrlich spritziger Weißwein mit Geschichte, die ich später noch schildere Lange nach Sonnenuntergang sitze ich noch da, genieße mein Italien und träume vor mich hin - auch Reiseleiter sind Romantiker!

    Ein neuer Tag beginnt. Es ist Juni, die Sonne bereits kräftig; das Hotel liegt unter schattigen Platanen, der Hausdiener hat gerade die Straße mit Wasser gespritzt, überall hört man "Buon giorno, Signora, buon giorno Signore...". Bolsena ist ein verträumter Ort, der sich noch seinen mittelalterlichen Charakter erhalten hat. Neben der Rocca, der Festung, die den kleinen Ort krönt, gibt es noch eine besondere Sehenswürdigkeit: die Kirche Santa Cristina. Sie ist der Dorfpatronin und Märtyrerin Cristina geweiht und beherbergt eine Kostbarkeit: jenen Altar, an dem sich 1263 ein Wunder ereignete, aus dem das Fronleichnamsfest entstanden ist.

    Ich verlasse Bolsena in südliche Richtung, fahre dem zunächst flachen Ufer entlang, bevor sich die Straße wieder an den Kraterrand hochwindet. Ich halte in Montefiascone bei der Kirche San Flaviano. Da gibt es zwei Dinge zu sehen: das kleine Männchen aus Stein auf einer Säule, das sich durch den Bart streicht und man lesen kann: "Ihr, die ihr unsere Kirche anschaut, betrachtet auch meinen Bart!" Geht man um die Säule, so sieht man dasselbe Männchen, das sich lachend den Bauch hält - hier heißt es dann: "Hier bin ich, ein gemeißelter Wächter, um die Dummköpfe hereinzulegen." Nun gut, mittelalterlicher Humor. Das zweite, das zu einem Stopp bei der eigentlich unansehnlichen Kirche verleitet, ist das Grab des Augsburger Prälaten Johannes Fugger mit einer kaum noch lesbaren Inschrift (übersetzt): "Est Est Est, wegen zu viel davon ist hier mein Herr Johannes Fugger gestorben" - Die Geschichte dazu? Erzähl ich Euch, wenn Ihr das nächste Mal bei mir mitfahrt.

    Es lohnt sich auch ein Abstecher hinauf zur "Rocca dei Papi" - zur Festung der Päpste. Viele Päpste lebten nur zeitweise in Rom und hatten ihre Feste oder auch nur ihre Sommerresidenz hier in der Tuscia. Knapp unterhalb der Rocca dei Papi gibt es einen Aussichtspunkt, von dem aus man einen herrlichen Blick über den Bolsena See mit seinen beiden Inseln hat: die Insel Martana, die man auch besichtigen kann und die Insel Bisentina, die im Privatbesitz des Grafen Drago ist. Manchmal, wenn der Graf gut gelaunt ist, lässt er auch Besucher auf seine Insel, wo es uralte Kirchen und sein Schloss zu sehen gibt. Übrigens Bootsausflüge auf dem See und zu den Inseln kann man vom Ort Capodimonte am Westufer des Bolsena Sees aus unternehmen. Wer nun schon genug Kultur für heute hat und Hunger verspürt, sollte sein Mittagessen unten am See im Ristorante Hotel La Carrozza d’Oro sul lago planen. Ich verschweige Euch lieber jenes Menü, das ich eines Abends dort genossen habe, sonst liest niemand mehr weiter.

    Von Montefiascone geht es auf die Hochebene um Viterbo hinunter. Schon von weitem kann man die größte Stadt Latiums erkennen. Doch bevor man in die Stadt hinein rollt, habe ich noch einen Tipp für die Gesundheitsbewussten: Wer es weiß und eine Karte dabei hat, sieht auf einmal rechter Hand Dampf aus der flachen Ebene aufsteigen: es sind die heißen Quelle der Bagni di Viterbo, der Bäder von Viterbo. Sehr rustikal das Ganze, ein größeres Badebecken umgeben von ein paar Büschen. Sonst nichts. Aber stets gut bevölkert.

    Viterbo – einst hatte ich einer Reisegruppe ein kulinarisches Mittagessen in dieser Stadt versprochen gehabt. Nur Lokal kannte ich seinerzeit noch keines. Mit dem DeAgostini-Restaurant Führer in der Hand klapperte ich die wenige Restaurants ab: geschlossen, nur heute; das nächste: geschlossen, aber wie es aussieht, schon seit längerem; das nächste: offen, aber nicht das, was ich mir vorstellte; das nächste und eigentlich letzte... Trattoria "Vecchia Romana" neben dem alten Stadttor Romana. Plastikstreifen hingen in der Tür, drinnen ein Raum, vielleicht acht mal sechs Meter, ein hausfraulicher Typ begrüßte mich. Ich erklärte ihr meinen Wunsch, mit 12 Personen in zwei Stunden bei ihr ein typisch italienisches Essen nehmen zu wollen. Schnell wurden wir uns handelseinig, sie stellte mir ihren Koch vor, der recht philippinisch aussah, ließ mich ihren Wein kosten, schmiss mich aber dann raus, weil sie jetzt für uns einkaufen gehen müsse. Wie dann das Mittagessen war? Richtig! Sie schwärmten alle noch lange davon!

    Amaro getrunken? Caffè auch? Gut, dann geht es weiter in südliche Richtung – aber alles nicht weiter als 20, 30 Kilometer vom Bolsena-See entfernt – nach Tuscania. Dort stehen zwei uralten Kirchen, die Basilika Santa Maria Maggiore und die wehrhafte Basilika San Pietro. Wahrhaft zwei sehenswerte Kulturdenkmäler, die außerhalb der Stadtmauern von Tuscania zu sehen sind. Umgeben von Landschaft und Stille, vielleicht manchmal unterbrochen vom Blöcken der Schafe, die hier noch in großen Herden über die Felder getrieben werden.

    Nun nehme ich eine Straße, die mich nochmals südlich nach Vulci führt, die einst eine der bedeutendsten etruskischen Städte war. Heute besuche ich aber in unmittelbarer Nähe die Ponte dell’Abbadia, eine auf etruskischen Fundamenten stehende Brücke, die eine unvermutet tiefe Klamm überspannt, flankiert von einem Kastell. Diese diente als Zollstation des Kirchenstaats an der Grenze zur Toskana.

    Aber für heute habe ich genug der Kultur und freue mich auf ein erfrischendes Bad im See. Ich kehre nach Bolsena zurück und genieße den Nachmittag. Das war der erste Tag eines unbegrenzt lange möglichen Aufenthalts in der Tuscia.
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    ein weiterer Bericht von einem Besuch in der Tuscia

        Wer Lust hat, die herrlichen Parks der Region kennen zu lernen, möge hier hinein schauen: www.romaculta.it/historische_gaerten_tuscia.html

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    Italien, Latium, Karte von Latium Tuscia Italien, Latium, Karte von Latium Tuscia Italien, Latium, Karte von Latium Tuscia

    links: um den Bolsena-See, Mitte: um Viterbo und rechts: die westliche Tuscia

    Autor:
    Peter Krackowizer
    Datum:
    überarbeitet im Sommer 2010
Peter Krackowizer, Reise-Experte & freier Journalist, Neumarkt am Wallersee, Salzburg, Österreich