Literaturtipps, Reiseliteratur, kulinarische Bücher ...gelesen von Peter Krackowizer 


   Allgemeine Bücher

  • Das große Buch der Päpste. Von Petrus bis Leo XIV.

    Das große Buch der Päpste. Von Petrus bis Leo XIV.

    Facetten- und Detailreich, nicht ausufernd und doch interessant geschrieben

    560 Seiten, 264 farbige Abbildung, alle 267 Heiligen Väter portraitiert vom führenden Papsthistoriker im deutschen Sprachraum Josef Gelmi. "Es wird nichts schöngeredet ... die durchaus auch eine Reihe von fragwürdigen, umstrittenen und zweifelhaften Gestalten aufweist ..." meint Autor Gelmi in seinem Vorwort.

    Der erste römische Bischof, der unangenehm auffiel, war Viktor I. (189-199), die berüchtigte Marozia im 9. Jh. wurde u. a. "Mutter und Mörderin von Päpsten" genannt, im 13. Jh. stritten die Kardinäle in Viterbo um die Nachfolge von Papst Clemens IV. (1265-1268). Im zweiten Jahr der Wahl rissen die Behörden das Dach des Konklavegebäudes ab und setzten die die Wähler auf Wasser und Brot. Aber sie erreichten die Aufhebung der Sperre und erst 1271 einigten sie sich auf einen neuen Papst. Pius XII. (1939-1958), sein Verhältnis zum 2. Weltkrieg und Judenverfolgung und viele andere geschichtlichen Informationen im neuen Buch über alle Päpste. Noch ein paar Details aus dem Buch: Mit Innozenz III. (1198-1216) erreichte das Papsttum seinen absoluten Höhepunkt. Auf ihn geht der Titel Stellvertreter Christi zurück. Nach seinem Tod drangen Diebe in Kirche ein, rissen dem Papst die kostbaren Gewänder vom Leib und ließen den Leichnam halbnackt zurück. Clemens XII. (1730-1740) war zur Zeit seiner Wahl bereits ein kränklicher Greis und regierte die meiste Zeit vom Bett aus. Nach seiner völligen Erblindung konnte er ohne fremde Hilfe nicht einmal mehr ein Schriftstück unterzeichnen.

    Naturgemäß gibt es über die Päpste des ersten Jahrtausend nur jeweils ein paar Zeilen zu berichten. Doch bereits mit Johannes XII. (955-964) werden die Beschreibungen umfangreicher und den Päpsten der Renaissance können Beiträge auch schon einmal ein paar Seiten umfassen. Dabei schildert der Autor interessant aus dem Leben der Päpste, bei vielen gibt es besondere Abschnitte, wie beispielsweise bei Pius VII. (1800-1823) über seine Papstwahl, dessen Rückkehr nach Rom und seine Verhandlungen mit Napoleon. Ab Beginn des 19. Jahrhunderts werden die Beschreibungen der Päpste schon recht umfangreich.

    Das Buch ist bebildert mit Wappen der Päpste, Gemälden und Darstellungen in Kirchen von Päpsten, Grabdenkmälern und Fotografien. Gelmi schreibt gut lesbar und sich nicht in Details verlierend, sodass auch Laien mit dem Buch gut zurechtkommen. Bei jedem Papst findet sich sein weltlicher Name, Geburtsort, wann er gewählt wurde, wann er starb und wo er begraben liegt. Es ist durchaus ein Geschichtsbuch. Ich blättere gerne im Buch, lese die eine oder andere Lebensgeschichte und finde immer wieder interessante, ja sogar spannende Details.

    Autor Josef Gelmi, erschienen 2025 in der Tyrolia Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-7022-4102-5

    gelesen im Juli 2025
  • Diebe Dirnen Dienstboten. Geschichten von Menschen am Rande.

    Diebe Dirnen Dienstboten. Geschichten von Menschen am Rande.

    Ein Buch mit vielen interessanten Details über Berufe und Tätigkeiten, die wir heute nur mehr vom Hörensagen kennen.

    Hamann beleuchtet verschiedene Randgruppen aus dem Blickwinkel in Wien. Er beginnt seine Zeitreise im Mittelalter mit den Themen Bürgerspital und Lepraschau. Letzteres bedeutete für den Erkrankten Separierung von der Gesellschaft, also alles Weltliche zurückzulassen. Die „Hübschlerinnen“, wie in Wien im Spätmittelalter Prostituierte genannt wurden, waren damals durchaus angesehene Frauen. Der Scharfrichter wurde aus Steuereinnahmen aus Frauenhäusern bezahlt. Seine grausige Tätigkeit wird im nächsten Kapitel beschrieben und weshalb Scharfrichter auch Abdecker genannt wurden. Bettler gab es in Wien dermaßen viele, dass es eigene Häuser für sie gab. 500 und mehr Bettler wohnten in solchen Unterkünften. Unglaublich, wie brutal man während und nach den Türkenkriegen mit Gefangenen in Wien umging. Sie waren Sklaven. Soldaten wurden ebenfalls immer gebraucht, starben doch bei Schlachten stets mehrere Hunderttausende von ihnen. Wie sie rekrutiert wurden, lebten und kämpfen mussten, erfährt der Leser in einem Kapitel. Dem Unwesen von Räuberbanden um 1800 ist ebenfalls ein Kapitel gewidmet.

    Kinder und Frauen in der Textilindustrie in der Zeit Maria Theresia bis in die Biedermeierzeit. Die Unternehmer wurden reich, Kinder und Frauen vegetierten bei Hungerlöhnen und mangelnder Hygiene und Sicherheit am Arbeitsplatz in Substandardwohnungen, meist nur einem Zimmer Die Bandlkramer und Scherenschleifer aus dem Waldviertel waren ab dem 18. Jahrhundert ein gewohntes Bild im Land. Von ihren Wanderungen berichtet ein Kapitel. Köhler waren Einzelgänger, die im Wald lebten, arbeiteten und dort auch oft einsam starben. Von ihrer gefährlichen und schlecht bezahlten Arbeit, dem Produkt Holzkohle, das für viele Betriebe sehr wichtig war, liest man in einem weiteren Kapitel. Frauenarbeit zwischen Alpenromantik und bitterem Alltag beschreibt das Leben von Sennerinnen auf Almen und die romantisierenden Zeitungsartikel, fernab der harten Realität dieser Frauen.

    Im Revolutionsjahr 1848 wurde mit dem Bau der Semmeringbahn begonnen, um die hohe Arbeitslosigkeit zu verringern. 20 000 Menschen aus allen Teilen der Monarchie sollen es gewesen sein, die entlang der Bahnstrecke arbeiteten und hausten. Ja, hausten, denn für so viele Menschen konnten nur notdürftige Hütten errichtet werden. Das letzte Kapitel beschäftigt sich mit dem Dienstmädchen im Dienst bei den „gnädigen Herrschaften“ in Wien um 1900. Rechtlos, oft geschlagen, manchmal nicht einmal ein eigenes Bett, sondern in Badewannen schlafend, bei 13-Stunden-Tagen ein freier Nachmittag in der Woche oder oft nur alle zwei Wochen. Erst der sozialdemokratischen Arbeiterpartei gelangen Verbesserungen, die in den 1920er-Jahren in die de-facto-Abschaffung des „Dienstmädchen“-Status mündeten.

    Ein Buch mit vielen interessanten Details über Berufe und Tätigkeiten, die wir heute nur mehr vom Hörensagen kennen. Schwerpunkt der Beiträge von Hamann ist Wien und Umgebung. Aber die grundsätzlichen Informationen dürfen wohl für ganz Österreich zugetroffen haben. Ein mehrseitiges Literaturverzeichnis und Personenregister befinden sie am Ende des Buches. Das Buch, illustriert mit einigen Schwarzweißbildern und -zeichnungen, lässt sich angenehm lesen. Es bietet einen guten Einblick in das Leben von „Dieben, Dirnen, Dienstboten“… und Köhlern, Sennerinnen, Sklaven in Österreich, in Bürgerspitälern und frühen Industriebetrieben.

    Autor Georg Hamann, erschienen 2025 im Amalthea Signum Verlag, Wien, ISBN-13 978-3-99050-286-0

    gelesen im Mai 2025
  • "Brechen wir aus!" Leokadia Justmann.
    Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol.
    Eine autobiografische Überlebensgeschichte.

    Titelbild Brechen wir aus! Leokadia Justmann.

    Eine eindrucksvolle, dramatische Fluchtgeschichte, spannend geschrieben und hervorragend recherchiert

    Der Inhalt

    Die 19jährige Leokadia Justman freute sich auf den Schulbeginn ihrer neunten Klasse Anfang September 1939, da überfiel Hitler Polen. Die junge Frau erlebte einen Angriff der Stukas, bei dem ihre Großmutter hilflos in einem Haus verbrannte. Die Familie zog in ein Dorf. Dort kam dann zu Beginn des Winters 1941/1942 der Befehl, alle Pelze – Mäntel und Schuhe – abzugeben. Und eines Morgens im Oktober 1942 wurden alle Juden des Dorfes zum Bahnhof getrieben, wo sie ihre Schuhe ausziehen mussten – "Wo ihr hinfahrt, braucht ihr keine Schuhe". Ein Hauptsturmführer der SS fuhr mit seinem Wagen vor und rief bei seiner Abfahrt, schon der Griff der Autotür in der Hand, voll Verachtung: "Weg mit der Scheiße"!

    20 Personen wurden ausgewählt, die mit ihren Frauen bleiben durften, um die Wohnungen der Juden auszuräumen. Alles wurde versteigert. Ihr Vater war einer der Auserwählten und durfte seine Frau mitnehmen.

    Ein entscheidender Moment: Ihre Mutter entschied sich, anstelle ihrer Tochter Leokadia in den Zug zu steigen, der alle ins Vernichtungslager Treblinka brachte. Mutter Zophia (Sofia) entschied, dass Leokadia mit ihrem Vater zusammen eine Überlebenschance hat. Zophia Justman starb im Oktober 1942 in Treblinka.

    Was ab dem Zeitpunkt dieser Trennung mit Vater und Tochter geschah, schildert Leokadia Justmann auf den folgenden rund 270 Seiten des Buches. Es sind schreckliche, unvorstellbare Erniedrigungen, Todesängste und immer wieder Fluchten. Schließlich kann Leokadia mit ihrem Vater und ein paar anderen Polen mit gefälschten Papieren aus dem Ghetto Piotrków Trybunalski fliehen. Es war das erste im besetzten Polen errichtete NS-Sammellager im Rahmen der Judenvernichtung.

    Die Flucht bringt die kleine Gruppe nach Tirol, zunächst verstreut in Seefeld und Innsbruck, schließlich alle zusammen in Innsbruck. Leokadia und ihr Vater arbeiten gemeinsam in einer Fabrik, bis die kleine Gruppe aufgrund einer Reihe unglücklicher Umstände von einem Ukrainer aus dem damals polnischen Lwiw (deutsch Lemberg) verraten wurde. Im März 1944 wird Leokadia von der Gestapo verhaftet und kommt ins Polizeigefängnis von Innsbruck. Es folgen zermürbende Monate der Hoffnung und der Angst, in eines der Vernichtungslager in Deutschland transportiert zu werden. Sie erlebt Mitgefangene, die gefoltert und geschlagen in ihre Zelle kommen, wie eine standhafte Nazi-Frau, die jedoch ebenfalls in Haft in ihrer Zelle war, sie umbringen wollte.

    Doch in diesen Tagen finden sich drei Polizisten, die versuchen, Leokadia vor dem Abtransport zu bewahren. Sie kann in der Küche arbeiten, wo sie kurz vor dem geplanten Abtransport ihrer Freundin Marysia Fuchs und ihr noch einmal alles auf eine Karte setzt - sie fliehen im Jänner 1945 aus dem Polizeigefängnis, das an einer Seite durch Bomben zerstört war. Sie haben Adressen dieser Polizisten, die sie versteckten, dazu kamen noch drei Frauen, die den beiden helfen. Die beiden Polinnen erhalten noch einmal eine neue Identität und Papiere und reisen nach Zell am See.

    Das Arbeitsamt vermittelt ihnen Arbeit im Raum Lofer. Leokadia kommt in die Villa Eva-Marie in Lofer zu Clementine Machatschek, einer eingefleischten Nationalsozialistin, die immer noch an Hitler und den "großen Endsieg" glaubt. Sie wirft Leokadia bald hinaus, weil sie ihr das Essen neidig ist – trotz voller Vorratskammern, wie Leokadia als Hausmädchen sehen konnte. Wohl aber auch aufgrund einer Verleumdung eines serbischen Kriegsgefangenen, der in der Villa als Hausmeister arbeitet und dessen Zudringlichkeit und Wunsch nach Sex Leokadia zurückwies. Nun soll sie sich in Zell am See in einem "Sammellager" melden. Verzweifelt sucht Leokadia einen Ausweg, da sie wusste, dass alle Ausländer in diesem Sammellager letztlich in ein Vernichtungslager deportiert werden. Sie geht zu einer Freundin, die ebenfalls in der Nähe lebt. Und diese vermittelt sie an Leopold Wintersteller, Pfarrer in St. Martin bei Lofer, der ihr Zuflucht gewährt.

    "Herr Pfarrer", sagt die junge Frau zögerlich. "Ich bin aus dem Gefängnis geflüchtet. Ich bin eine Verbrecherin, ich bin Jüdin." Die Reaktion des Pfarrers überrascht sie, wie sie in ihren Erinnerungen festhält: "Christlchen, du bist keine Verbrecherin. Diese Bezeichnung konnten dir nur die echten Verbrecher geben." Sie sei ein Mensch und sie alle seien Kinder des gleichen Gottes. Leokadia nannte sich in ihren Papieren Krystyna Chruscik.

    Vor dem Pfarrhof erlebt Leokadia – Christl dann den Einmarsch der amerikanischen Soldaten. Der Krieg war zu Ende. Sie geht nach Innsbruck zurück, um nach ihrem Vater zu forschen und erfährt, dass er bereits im April 1944 im Lager Reichenau in Innsbruck ermordet worden war. Sie gründet eine Vertretung der Juden in Innsbruck, lernt ihren Mann kennen und geht nach ihrer Heirat in Innsbruck mit ihm in die Vereinigten Staaten von Amerika.

    Über das Buch

    Martin Thaler, der als Fünfjähriger Leokadia kennengelernt hatte, als sie mit ihrem Vater bei seinen Eltern in der Nähe von Innsbruck wohnte, wandte sich 2018 an seinen alten Bekannten Niko Hofinger. Er bat ihn, den Erinnerungen und Erzählungen nachzuforschen. Hofinger kam dabei auf den Sohn von Lorraine Justman-Wisnicki, wie Leokadia verheiratet hieß, Jeffrey Wisnicki. Dieser verwahrte vier Haupttexte von seiner Mutter mit ihrer Fluchtgeschichte, in hebräischer und englischer Sprache. Hofinger und sein Team ließen die Texte übersetzen begannen nun akribisch alle Fakten und Namen, die sie in diesen Dokumenten fanden, zu überprüfen. So konnten viele Personen identifiziert und viele Details hinsichtlich ihrer historischen Zuverlässigkeit verifiziert werden.

    2025, am 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz wurden Justmanns Erzählung im Tiroler Landhaus vorgestellt und zugleich eine begleitende Ausstellung über Leokadia Justmann eröffnet. Beim Lesen des Buches erlebte ich durch die spannende sprachliche Ausdrucksform die Ängste und Sorgen von Leokadia, die grauenhaften Momente von ihr und glückliche kurze Zeitabschnitte, ihren Mut, ihre Entschlossenheit zu fliehen und ihre Intelligenz, die sie zum Überleben immer wieder einsetzte. Die sehr guten Beschreibungen von Stimmungen und Ereignissen ließen die Worte in meinem Kopf zu Bildern werden, wenngleich sehr oft zu traurigen.

    Die beiden Autoren haben in 368 Fußnoten Kurzbiografien aller im Buch vorkommenden Personen recherchiert. Das Personen- und das Orte-Register umfassen drei Seiten zweispaltig. Eine zweiseitige Zeittafel gibt einen detaillierten Überblick aller Ereignisse von 1. September 1939 bis 16. September 1946, dem Tag der Hochzeit von Leokadia mit Józef Wiśnicki.

    Die Erzählungen von Leokadia Justmann zeigen ein anschauliches Bild von den skrupellosen Aktionen der Gestapo und ihrer Gehilfen, von den Todesängsten und der Abstumpfung der Menschen in ihren Fängen. Und vom uneingeschränkten Gehorsam und Glauben an Hitler.

    Herausgeber: Niko Hofinger und Dominik Markl, Übersetzung: Aus dem Englischen von Brigit Salzmann und Susanne Costa; erschienen in der Verlagsanstalt Tyrolia Gesellschaft m.b.H., Innsbruck, Tirol, 2025, ISBN 978-3-7022-4275-6

    gelesen im April 2025
  • Zeitensprünge. Meine Wege in die Vergangenheit.

    Titelbild Zeitensprünge. Meine Wege in die Vergangenheit.

    Interessante und abwechslungsreiche Zeitensprünge von der ersten bis zur letzten Seite

    Der Autor springt zwischen Ereignissen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit hin und her. Es sind abwechslungsreiche und interessante Zeitensprünge, die Markus seinen Lesern bietet. In 52 Beiträgen, unterteilt in 15 Kapitel, die sich zwischen der k.k. Monarchie und den Vereinigten Staaten von Amerika abspielen, geht er unter anderem der Frage nach, wie Mozart wirklich aussah, ob Schubert Alkoholiker war oder doch nicht, er weiß vom einzigen Flirt der österreichischen Kaiserin Elisabeth und den letzten Tagen der englischen Königin Elizabeth II. zu berichten; Karl Kraus soll eine geheime Lovestory gehabt haben und er fragt sich, ob Shakespeare überhaupt gelebt hat.

    Es gibt kriminelle Seitensprünge und jene „Made in Austria“, z. B. von Frau Rosa, der letzten Greißlerin in Wien. Markus informiert seine Leser, warum das Weiße Haus weiß ist, er hatte den Hofmaler des Schah von Persien kennengelernt, deckt interessante Details einer vermutlichen Verbindung von Frank Sinatra und der Mafia auf, schildert schwere Schicksale von Kinderstars und schreibt über sein letzten Interview mit Johannes Heesters. Dass die Eingangstüre zum Haus des englischen Premierministers „Downing Street“ 10 eine Attrappe ist und dass die französischen Präsidenten alle Mätressen hatten, jedenfalls fast alle, behandeln weitere Beiträge.

    Das Lesen der 290 Seiten vergeht wie im Flug. Jedes Kapitel ist so interessant geschrieben, wie es sein soll, aber nicht langweilig ausufernd. Eindrucksvolle Schwarzweißfotos warten auf den Leser, beispielsweise von der geheimnisvollen Geliebten von Karl Kraus, Liz Taylor als Elfjährige, Queen Elizabeth II. kurz vor ihrem Tod mit e inem „schelmischen Lächeln im Gesicht“ wie die Fotografin des Bildes meint oder Curt Jürgens im Kreis von schönen Frauen. Quellenverzeichnis, Bildnachweis und eine mehrseitiges Namenregister finden sich am Ende dieses lesenswerten Buches. Das praktische Leseband habe ich nicht oft benötigt, da ich das Buch sehr schnell gelesen hatte. Es steht jetzt griffbereit in meiner Bibliothek für den Fall, dass ich über J. F. Kennedys Wiener „Ami-Schlitten“ nachlesen möchte, der noch heute in Wien fährt.

    Autor Georg Markus, erschienen 2024 im amalthea Verlag Wien, ISBN 978-3-99050-276-1

    gelesen im Oktober 2024
  • Stammgäste. Jüdinnen und Juden am Semmering.

    Titelbild Stammgäste. Jüdinnen und Juden am Semmering.

    Beeindruckende zeitgeschichtliche Dokumentation mit interessanten Zeitzeugeninterviews

    Danielle Spera ist es ausgesprochen gut gelungen zusammen mit ihren 16 Co-Autoren ein interessantes und abwechslungsreiches Buch über die fremdenverkehrsgeschichtliche Entwicklung des Semmerings im Zusammenhang mit dem jüdischen Publikum zu erstellen. Alle Autoren sind Wissenschaftler oder Buchautoren, die sich in ihren Beiträgen verschiedenen Themen widmen. So schreibt Georg Markus über bekannte Persönlichkeiten, die am Semmering ihre Sommerfrische oder auch Winterurlaub verbrachten, darunter Freud, Schnitzler, Farkas und Herzl. Besonders unterhaltsam fand ich dabei die Liebensgeschichten von Arthur Schnitzler oder eine kuriose „Taxifahrt“ von Karl Farkas von Wien auf den Semmering. Josef Hlade und Herwig Czech beleuchten das Thema „Wiens umkämpfter Kurort“, über Medizin und Gesundheitstourismus am Semmering und Matthias Marschik ist den jüdischen Sport- und Bewegungskulturen am Semmering nachgegangen. Eine Auswahl an enteigneten jüdischen Villen im Semmeringgebiet bieten Richard Weihs und Julia Windegger im Beitrag „Zeuginnen der Geschichte“. In insgesamt 15 Kapiteln wird so das Leben vor und nach dem Nationalsozialismus lebendig und mit zahlreichen Bildern (Schwarzweiß und in Farbe) geschildert.

    Der für mich aber interessanteste Teil des Buches sind die zwölf Interviews mit Zeitzeugen, die Danielle Spera führte. Es sind Personen, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg den Semmering als Urlaubsort kennengelernt haben. Sie schildern, was ihnen ihre Eltern aus der Zeit vor dem Krieg von ihren dortigen Urlauben erzählten, wie sie selbst den Semmering in den 1950er- und 1960er-Jahren erlebten, von den Anfeindungen und Beschimpfungen – wohlgemerkt Jahre nach Kriegsende! Aber es gibt auch heitere Episoden zu lesen. Viele Bilder zeigen die Eltern der Interviewpartner und sie selbst, die abwechslungsreiche Einblicke in deren Leben bieten. Viele Erzählungen drehen sich um Aufenthalte im Südbahnhotel und Panhans. Natürlich fließt die Geschichte dieser beiden größten Hotel sowie einiger weiterer vom jüdischen Publikum bevorzugten Hotels im ersten Teil des Buches ein. Historische Bilder vom Wintersport oder dem ersten alpinen Hallenbad Österreichs lockern die Beiträge auf. Eine besondere Rolle am Semmering schien die „Hakoah-Hütte“ des jüdischen Sportvereins in Wien gehabt zu haben.

    In diesen Interviews erlebt der Leser aber auch sehr ungeschminkt die Grausamkeit des Nazi-Regimes. Für mich als Nachkriegsgeborener immer wieder erschütternd, mit welcher Brutalität Menschen, die bis vor der Machtergreifung Hitlers in Österreich gern gesehene Gäste am Semmering oder nette Nachbarn in Wien waren, vertrieben oder umgebracht wurden. Diese Beiträge auch über Geflüchtete und wie sie bei Besuchen nach dem Krieg Österreich und den Semmering erlebten.

    Georg Gaugusch stellt am Ende des Buches in einem biografischen Glossar mehr als 60 Personen Semmering-Gäste vor, von A wie dem Industriellen und Gesellschafter der Gipswerke Schottwien-Semmering AG, Otto Anninger, bis W wie Weiss, Henriette und Dr. phil. Samuel Adolf Weiss. Unter Z findet sich eine Person, die keinen jüdischen Hintergrund hat: Wilhelm Zimdin, Finanzier, Kunstsammler und Besitzer des Hotels Panhans am Semmering. Es folgen Kurzportraits der AutorInnen, mehrseitige Literaturhinweise, Endnoten-Verzeichnis mit weiteren interessanten Details und Internetlinks sowie ein mehrseitiges Personenregister und Bildnachweis.

    Die Texte und Bilder, vor allem von den erwähnten Personen, ließen für mich die Geschichte dieser Menschen, ihrer Urlaube und dem mondänen Leben auf dem Semmering sehr lebendig werden. Es ist ein Eintauchen in eine Epoche und deren Lebensstil, wie sie in dieser Form nicht mehr sein wird. Das Buch sehe ich als zeitgeschichtliche Dokumentation interessanter Beiträge, die Teil der österreichischen Geschichte sind.

    Herausgeber Danielle Spera, erschienen 2024 im amalthea Verlag Wien, ISBN 978-3-99050-269-3

    gelesen im Sommer 2024
  • Verstoßen. Die Wege der jüdischen Kinder und Jugendlichen aus dem Gau Tirol-Vorarlberg 1938-1945.

    Titelbild Verstoßen. Die Wege der jüdischen Kinder und Jugendlichen aus dem Gau Tirol-Vorarlberg 1938-1945.

    Sorgfältig recherchierte Lebensgeschichten, geprägt von der Grausamkeit des NS-Regimes

    Der Verlag schreibt über dieses Buch:
    Spätestens mit dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 beginnt für die jüdische Bevölkerung eine Zeit der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ausgrenzung, der sehr bald Verfolgung, Entrechtung und schließlich physische Vernichtung folgen sollten. Im nun entstandenen Gau Tirol-Vorarlberg werden die jüdischen Familien zur Flucht gezwungen. Dieses Werk beleuchtet die Schicksale aller in der Zwischenkriegszeit geborenen, im Gau Tirol-Vorarlberg lebenden Kinder und Jugendlichen, die ihre Heimat bis spätestens 1939 verlassen mussten. Es erinnert an die Schicksale jener, die im Vernichtungsapparat des NS-Regimes auf tragische Weise umkamen, zeichnet aber auch die Wege die Überlebenden nach: die Flucht ins benachbarte Ausland, nach Großbritannien oder Übersee, der Aufbau eines neuen Lebens in der Fremde, die Suche nach den geliebten Familienmitgliedern und schließlich in manchen Fällen die Rückkehr oder gar Versöhnung mit der alten Heimat.

    Ich habe das Buch gelesen und meine:
    Das Lesen mancher Kapitel ist bedrückend, manchmal sogar sehr bedrückend. Kinder und Jugendliche, die bis März 1938 miteinander in die Schule gingen, wurden von einem Tag auf den anderen vom Unterricht ausgegrenzt. In der sogenannten Reichskristallnacht im November 1938 mussten sie zuschauen, zumindest mithören, wie ihre Väter erschossen, erstochen oder erschlagen und ihre Mütter gedemütigt und geschlagen wurden. Aber vielen Kinder und Jugendlichen wurden schon vor dem Anschuss und auch noch danach bis Anfang 1939 mit Kindertransporten nach England oder Palästina geschickt. Daher habe viele von ihnen überlebt. Sie und ihre Nachfahren stellten private Dokumente und Erinnerungen für dieses Buch zur Verfügung.

    Als sehr hilf- und aufschlussreich habe ich den Teil 1 empfunden. Darin werden von der Autorin gut verständlich die Geschichte der Juden in Vorarlberg und Tirol sowie die Hintergründe geschildert, wie es zu der Vertreibung der Kinder und Jugendlichen kam und welchen Neuanfang sie in der Welt erlebten. Obwohl dieser Teil 1 stark auf Geschichte der Juden in Vorarlberg und Tirol zugeschnitten ist, gibt er doch einen sehr guten Einblick in die damalige Lebenssituation dieser Menschen und deren Geschichten. Ein Kapitel beschäftigt sich auch mit dem Thema Integration in den neuen Heimatländern oder zurück nach Österreich (was offenbar die Wenigsten wollten).

    Im Teil 2 – Hundert oder mehr Geschichten – wird das Lesen dann abschnittsweise beklemmend. Die damalige Kinder und Jugendlichen erinnern sich heute für das Buch an die Greuel des Novemberpogroms, an die Demütigungen in der Schule und bei ärztlichen Behandlungen, bei der Besorgung der Ausreisedokumente und selbst in den Fluchtländern wurden sie nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs als „Feinde“ interniert. Einer dieser jungen Männer meldete sich zur britischen Armee. Ihm gelang es als Besatzungssoldat in Österreich zwei der Mörder seines Vaters ausfindig zu machen. Dem einen gelang jedoch die Flucht, der andere wurde nicht verurteilt. Diese und andere Erlebnisse hat die Autorin akribisch zusammengetragen. Viele Personen haben ihr Familienbilder zur Verfügung gestellt, die noch unbeschwerte Kinder zeigen, wie im Beispiel von Ilse und Inge Brüll. Bei allen Familien gibt es einen Überblick über die Familie an sich, also kurze Informationen über die Großeltern und Eltern, über Großfamilien und Geschwister.

    550 Fußnoten, ein zweiseitiges Literaturverzeichnis und eine Seite Quellenangaben sowie ein Abbildungsverzeichnis zeugen von der wissenschaftlichen Recherche der Autorin Gerda Hofreiter. Das Buch ist aber kein Lesebuch, da die Informationsdichte bei den einzelnen Familie derart konzentriert ist, um es in einem Stück lesen zu können. Es stellt vielmehr ein Nachschlagewerk dar, vor allem für die Innsbrucker Bevölkerung, was aus ihren einstigen Nachbarn, vielleicht auch Freunden wurde. Zwar wird die Generation, die sich derer noch erinnern kann, wohl bald tot sein, aber das Buch dokumentiert den dunkelsten Abschnitt in der Geschichte Tirols.

    Gerda Hofreiter (Autorin), erschienen 2023 im Verlag Tyrolia, Innsbruck, ISBN 978-3-7022-4114-8

    gelesen im Juni 2024
  • Vielgeprüftes Österreich

    Titelbild Vielgeprüftes Österreich.

    Lendvai beschreibt die österreichische Politik nach 1945 spannend anhand der Bundeskanzler

    Es ist unglaublich, welches Wissen Lendvai trotz seines hohen Alters von 94 Jahren noch interessant in diesem Buch vermittelt. Auf rund 270 Seiten schildert er die Geschichte der zweiten Republik anhand verschiedener Bundeskanzler. Breiten Raum gibt er dabei der Entstehung und dem Wirken der FPÖ und SPÖ, hier vor allem Bruno Kreisky. So meint Lendvai, dass Kreisky seinen Aufstieg dem FPÖ-Klubobmann Friedrich Peter zu verdanken hätte.

    Lendvai war zunächst als Korrespondenz der "Financial Times" arbeitet, kehrte 1957 nach Wien zurück und wurde später Chefredakteur der ORF-Osteuropa-Redaktion neben anderen Tätigkeiten. Er hat also alle Bundeskanzler persönlich erlebt und interviewt. Daher fließen viele persönliche Erinnerung in seine oft auch sehr kritischen Beschreibungen dieser Personen ein.

    Das Kapitel über die ÖVP, "die ungewöhnlichste Volkspartei Europas", und jenes „von Wolfgang Schüssel zu Sebastian Kurz: Vom Original zur misslungenen Kopie“, sind mit fast 70 Seiten nicht nur die umfangreichsten Beiträge, sondern geben auch tiefe Einblicke in die Verflechtungen in der österreichischen Politik.

    Aufgrund der Dichte an Informationen konnte ich das Buch immer nur abschnittsweise lesen. Aber ich bin sehr beeindruckt von diesem Buch. Durch die vielen Hintergrundinformationen und persönlichen Erläuterungen habe ich einen sehr guten und verständlichen Einblick in die österreichische Politik nach 1945 erhalten. Zusammen mit dem Buch von Hugo Portisch „Aufregend war es immer“ verstehe ich nun vieles besser, was seither geschehen ist. Ich kann das Buch von Lendvai nur empfehlen.

    Autor Paul Lendvai, erschienen 2022 im ecoWing Verlag, ISBN 978-3-7110-0269-3

    gelesen im März 2023
  • Lernen S' Geschichte, Herr Reporter. Bruno Kreisky. Episoden einer Ära.

    Titelbild Lernen S' Geschichte, Herr Reporter. Bruno Kreisky. Episoden einer Ära.

    Ein aufschlussreiches und sehr gut geschriebenes Buch über einen großen Staatsmann

    Zwei Sozialisten. Der eine, Autor Ulrich Brunner, begann bei den sozialistischen Studenten und wurde ein erfolgreicher Journalist, der andere, ebenfalls von Jugend an mit den Sozialisten verbunden, wurde einer erfolgreichsten Politiker der Nachkriegszeit. Beide kannten einander und Brunner berichtet in diesem Buch über seine Begegnungen mit Kreisky, seine Lebensgeschichte und allerlei sonstige Geschichten.

    Brunner beginnt mit seinem eigenen journalistischen Weg bei der "Arbeiter-Zeitung". Dann schildert er die Gefängniszeit von Kreisky 1935 und von dessen schwieriger Rückkehr nach Kriegsende in die österreichische Politik. „Kreisky am Weg ins Kanzleramt“ gibt aber auch ausgezeichnete Einblicke in politische Grabenkämpfe innerhalb der Sozialistischen Partei und das damalige politische Umfeld.

    Dann kommt Brunner auf seine Kernkompetenz: Kreisky und die Journalisten. Dabei gibt es unterhaltsame wie ernste Beiträge, dass Kreisky ein Meister der präzisen Unschärfe war (Zitat Kreisky, ob er nach einer Niederlage der Zwentendorf-Abstimmung zurücktreten werde: "Ich werde sicher nicht sagen, dass ich sicher nicht zurücktreten werde!"), über das Pressefoyer und von jenem, in dem der dem Buch seinen Titel gebende Satz Kreiskys "Lernen S' Geschichte, Herr Reporter" fiel.

    Und über einige weitere Facetten des Politikers schreibt Brunner: Kreisky, der Unbeherrschte, der rastlose Politiker, Kreisky und ORF-Intendant Gerd Bacher. Auch über den Fall Karl Schranz, dem die Teilnahme an den Olympischen Spielen verweigert worden war und die Rolle Kreiskys dabei, ist ein Thema von Brunner.

    Im Abschnitt Kreisky und die Macht geht es u. a. um die Rivalität mit Broda und um Androsch, den er eigentlich als Kronprinz gedacht hatte. Brunner schreibt über Kreisky und die Fristenlösung, die Frauenbewegung und die Schulden in der Ära Kreisky. Wie Kreisky zum Judentum stand, seine Angst vor dem Antisemitismus, die Wiesental-Affäre, über seinen Humor und seine jüdische Identität berichtet Brunner im vorletzten Abschnitt. Im letzten Kapitel beschreibt er das Ende der Ära Kreisky, über das sogenannte Mallorca-Paket, den schwerkranken und narzisstischen Kreisky und seinem Ende.

    Nachdem Brunner von Jugend an mit der sozialistischen Partei verbunden war, trat er 2007 nach 50 Jahren aus der Partei aus und schildert im Epilog ausführlich seine Gründe dafür. Postskriptum, Bibliografie, Personenregister, Zeittafel und Bildnachweis finden sich am Ende des Buches.

    Brunner hat bewusst, wie er schreibt, die außerordentlichen Verdienste Kreiskys in der Außenpolitik in diesem Buch weggelassen und schildert den innenpolitischen Kreisky und sein Verhältnis zu den Medien. Es gibt ein interessantes und informatives Bild dieses großen Staatsmannes, der Österreich in ein neues Zeitalter geführt hatte und dessen soziale Verbesserungen noch heute vorhanden sind. Ich finde, dass es ein sehr lesenswertes Buch ist, auch wenn jemand sich politisch nicht besonders interessiert.

    Autor Ulrich Brunner, erschienen 2017 im ecoWing Verlag, ISBN 978-3-7110-0263-1

    gelesen im August 2020
  • Aufregend war es immer

    Titelbild Lernen S' Geschichte, Herr Reporter. Bruno Kreisky. Episoden einer Ära.

    Lebendig geschriebene, sehr gut erklärte Zeitgeschichte Österreichs und der Weltpolitik

    Hugo Portisch ist auch mit 90 Jahren – er feierte im Februar 2017 seinen 90. Geburtstag – noch so fesselnd, wie ich ihn von seinen Fernsehkommentaren her in Erinnerung habe. Der Inhalt der 400 Seiten dieses Buches entspricht wahrlich seinem Titel: Aufregend! Geboren in Preßburg, weil sein Vater, der aus Niederösterreich stammte, dort als Chefredakteur einer Zeitung einen Job erhielt, schildert er an Hand seines Lebens große und bedeutende Ereignisse in der österreichischen Geschichte und der Weltpolitik.

    Wie er zur Zeitung gekommen war (später Chefredakteur des Kuriers) und seine Frau kennengelernt hatte, von einem Journalisten-Kurs in den Vereinigten Staaten kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs, was der Marshallplan eigentlich wirklich war, über die Ängste der Österreicher in der russisch besetzten Zone und welche Vorsorgemaßnahmen gegen eine Annexion Österreichs durch die Russen die damalige Regierung getroffen hatte, von einer Reisebegleitung Bundeskanzler Raab in den USA von, vom Wiener Zeitungskrieg, dem ersten österreichischen Volksbegehren und wie Otto Habsburg versuchte, Portisch von der Wichtigkeit seiner Rückkehr nach Österreich zu überzeugen.

    Das sind grob aufgezählt die Themen der ersten 200 Seiten. Die restlichen 200 Seiten beschäftigen sich mit Weltpolitik. Hier hat mich die Schilderung seiner ersten Reise nach China mit dem Gespräch mit Marschall Chen Yi sehr beeindruckt. Denn dieses Gespräch, von dem Portisch dann in Österreich berichtete, war von internationaler Bedeutung im Vietnam-Krieg. Aber auch von einer Reise nach Sibirien noch zu Zeiten der Sowjetunion schreibt er. Aufregend, ganz im Sinne des Buchtitels, die Hintergründe über den gescheiterten Landungsversuch der Amerikaner in der Schweinebucht auf Kuba. Jetzt verstehe ich auch, weshalb es auf Kuba noch so viele alte amerikanische Limousinen gibt.

    Portisch wechselte zum ORF. In diesem Zusammenhang gelingt ihm mit seinem Aufnahmeteam als erstes Fernsehteam (der Welt?) im Strategischen Oberkommando der amerikanischen Bomberflotten und Atomraketen sowie in einem Atomraketenbunker filmen zu dürfen. Es war, ganz im Sinne des Buchtitels, sehr aufregend und auch mit dieser Dokumentation schrieb Portisch Weltgeschichte. Warum, das erklärt er im Buch.

    Kreisky, die Neutralität, seine „Bauchlandung“ mit der Abstimmung um das Atomkraftwerk Zwentendorf und warum der Plan der ÖVP damals nicht aufging. Herrlich auch Portisch‘ Schilderungen von seinen Besuch in England anlässlich Englands Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft. Dann folgt die Entstehungsgeschichte der Dokumentarfilme „Österreich I“ und „Österreich II“, basierend auf einer Idee von Gerd Bacher. Wie es ihm dazu gelang an historisches Filmmaterial herzukommen und weshalb die ersten 14 Tage nach der Besetzung von Wien durch russische Truppen wohl die bedeutendsten zwei Wochen in Österreichs jüngerer Geschichte waren – aufregende Zeitgeschichte, sprachlich einfach hervorragend ausgedrückt.

    Auch mit Henry Kissinger filmte er sich durch die Zeit- und Weltgeschichte und lernt dabei modernste Fernsehtechnik kennen, Europa Jahrzehnte voraus. Im vorletzten Kapiteln berichtet er von der Zeit des Zerfalls der Sowjetunion, von Michail Gorbatschow, von den Zaren bis zu Putin. "Hört auf die Signale" nennt er seine Dokumentation darüber. Und im letzten Kapitel macht er sich Gedanken, wie man Europa aus der derzeitigen (Flüchtlings)Krise bringen könnte. Das hängt auch mit dem Marshallplan und Afrika zusammen. Spannend.

    Dieses Buch erklärt mir vieles in der österreichischen Geschichte und Weltpolitik. Portisch schreibt wertungsfrei, er verurteilt nicht, schließt aber immer wieder seine persönlichen Schlüsse aus dem Verhalten der Weltpolitiker. Und behielt damit oft Recht. In dieser Autobiografie im weiteren Sinne schildert er in seiner professionellen journalistischen Art von seinem Leben, seinen Reisen und der Welt. Er streift auch sein Familienleben, das vom tragischen Tod seines Sohnes überschattet ist. In der Buchmitte sieht man rund 30 Bilder aus seinem Privat- und journalistischen Leben, teilweise doppelseitig, meist in Schwarzweiß, wie es eben bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts Standard war.

    Aufregend war es immer und sind auch diese 400 Seiten, die ich jedem empfehle zu lesen. Besser kann man die letzten 90 Jahre Geschichte wohl nicht zusammenfassen und beschreiben. Hugo Portisch ist einer der wirklich großen Journalisten Österreichs!

    Autor Hugo Portisch, erschienen 2017 im ecoWing Verlag, ISBN 978-3-7110-0124-5

    gelesen im Februar 2017
  • Chapeau! - Eine Sozialgeschichte des bedeckten Kopfes

    Titelbild Chapeau! - Eine Sozialgeschichte des bedeckten Kopfes

    Reich illustriert bietet das Buch einen sehr guten Einblick in die Geschichte des Hutes

    Dieses Buch ist als Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung im Wien Museum (bis 30. Oktober 2016) erschienen. Diese Ausstellung widmet sich anhand von ausgesuchten Kopfbedeckungen Themen der Wiener Geschichte von 1848 bis heute. Im Buch werden die verschiedenen Themen sowohl mit Text als auch mit Bildern dargestellt.

    Hut auf – politische Köpfe erzählt von der machtpolitische Bedeutung von Kopfbedeckungen. Kopfbedeckungen waren auch immer Ausdruck in der Emanzipationsgeschichte. Davon berichtet „Hut ab? Kopfsache Emanzipation“. Von religiösen Vorschriften in Bezug auf Kopfbedeckungen kann man im Kapitel „Hüte dich! Religion auf den Köpfen“ nachlesen. Damals wie heute kann man am Kopf die Unterschiede der Wiener Stadtgesellschaft erkennen. Darüber mehr im Kapitel „Alter Hut, neuer Hut – verkopfte Identitäten“. Und schließend wird eingehend die Wiener Mode für den Kopf präsentiert. Diese hatte bis zum Ende der meisten Hutgeschäfte in den 1960er Jahre sehr gut floriert. Heute greift die Modeschule Hetzendorf wieder das Hutthema auf.

    Aus 23 000 Teilen besteht die Modesammlung des Wien Museums, darunter 1400 Kopfbedeckungen. So ist es nicht verwunderlich, dass nicht nur eine sehenswerte Ausstellung daraus umgesetzt werden konnte, sondern auch das vorliegende Buch reich illustriert einen sehr guten Einblick in die Geschichte des Hutes, le chapeau im Französischen, bietet.

    Ein kleiner Auszug: Revolutionshüte des Jahres 1848, z. B. der Hut der Akademischen Legion; Macht und Ohnmacht: Schirmkappe eines Untersturmführers oder Mütze eines KZ-Häftlings; Adele List, Wiener Hutmacherin meinte „All meine Kundinnen sind intelligente Frauen“ (weil sie Hut als einen modischen Schmuck sahen); ein Priesterhut aus dem Jahr 1890 ist ebenso abgebildet wie ein Kopftuch eines Rastafari (etwa das Jahr 2005); viele Bilder sind seitenfüllend, dazwischen gibt es nostalgische Bilder, die Mode und Hutmode aus vergangenen Zeiten zeigen, Hausiererbücher und Hutgewerbescheine bekannter Hutsalonbesitzer in Wien und vieles mehr.

    Selbst einem Laien wie mir wird dieses Buch sehr gut gefallen. Es ist lesbar, aufgelockert und übersichtlich gegliedert, die Bilder wie stets bei Brandstätter-Büchern von sehr guter Qualität und die Texte sind von 26 Fachautoren geschrieben.

    Michaela Feurstein-Prasser (Hrsg.) (Autor), Barbara Staudinger (Hrsg.) (Autor), erschienen 2016 im Brandstätter Verlag Wien, ISBN 978-3710600647

    gelesen im Oktober 2016
  • Apropos Gestern. Meine Geschichten hinter der Geschichte.

    Titelbild Apropos Gestern. Meine Geschichten hinter der Geschichte.

    Faszinierende Erinnerungen an große und kleinere Leute

    Fragt den Portier beim "Kurier" in Wien "Entschuldigen Sie, wie wird man Journalist?". So begann die journalistische Karriere von Georg Markus. In diesem abwechslungsreichen und interessanten Buch erzählt Markus aus vier Jahrzehnten, was und wen er erlebt, interviewt oder für wen er Biografien aufgeschrieben hatte.

    Bei der Familie des Maxi Böhm ging er als Kind ein und aus, vom unvergesslichen Kabarettisten Karl Farkas war er Assistent, ein für seine Journalistenkollegen fast für unmöglich gehaltenes Interview mit Gunther Philipps gelang ihm, Udo Proksch, Ephraim Kishon, UNO-Generalsekretär Kurt Waldheim und viele andere Persönlichkeiten besuchte und interviewte er.

    Er erlebte die Geburtsstunde des Edmund Sackbauers als "Mundl", kam im Hotel Seewirt in der Innviertler Gemeinde Franking um eine Stunde zu spät zum Interview mit Sophia Loren, die in Bayern 1978 gerade einen Film drehte und spürte dem Geheimnis von Mary Vetsera und ihrem Tod in Mayerling nach. Und noch etwas erzählt der Autor: wie er auf den Nachweis stieß, dass Kaiser Franz Joseph I. tatsächlich mit der Schauspielerin Katharina Schratt verheiratet war.

    Jahr für Jahr erinnert sich Markus an wirklich lesenswerte Geschichten. Am Ende eines jeden Jahres gibt er einen kurzen Überblick, was seinerzeit in der Welt geschah. Wissen Sie noch, wann Indira Gandhi Premierministerin von Indien wurde oder der Flugpionier Charles Lindbergh starb? Aufgelockert wird dieses Buch mit etlichen schwarz-weiß Fotografien und im Personenregister finden sich weit über 900 Namen. Gut 100 Geschichten auf knapp 300 Seiten – ich habe das Buch nur zur notwendigen Schlaf-Unterbrechung aus der Hand gelegt. Mit dem praktischen Leseband fand ich stets den Faden wieder. Mir hat dieses Buch ausgesprochen gut gefallen!

    Autor Georg Markus, erschienen 2015 im amalthea Verlag Wien, ISBN 978-3-99050-004-0

    gelesen im November 2015
  • Bertha von Suttner. Kämpferin für den Frieden.

    Titelbild Bertha von Suttner. Kämpferin für den Frieden.

    Schildert anschaulich Sittenbild und politische Entwicklung der damaligen Zeit sowie das Leben v. Suttner

    Obwohl Berta von Suttner als lebenslange Freundin von Alfred Nobel diesen zur Stiftung des Nobelpreises angeregt und wohl auch überredet hatte, erhielt sie erst bei der fünften Vergabe und als erste Frau diesen Preis. Sie, die aus der vornehmen Prager Familie von Kinsky stammte, kämpfte zeitlebens damit, nicht wirklich zur Aristokratie zu gehören, war doch ihre Mutter eine Bürgerliche gewesen. Auch ihre Heirat mit Arthur von Suttner sorgte für Aufregung, geschah sie doch ohne Einwilligung der Familie von Suttner. Beide versuchten zunächst ihr Glück im Kaukasus, von wo sie nach acht Jahren wieder nach Wien zurückkehrten und letztlich doch von der Familie von Suttner aufgenommen wurden. Erst im Alter von 46 Jahren schrieb sie ihr weltberühmtes Buch „Die Waffen nieder“ und erst dann begann ihrer Kariere als Friedenskämpferin. „Die Waffen nieder“ waren auch einer ihrer letzten Worte im Moment ihres Todes.

    Brigitte Hamann schreibt ein wirklich spannendes Buch über das Leben einer großen Frau. Sie schildert ihr Leben an Hand ihrer Tagebücher und Memoiren sowie andere Korrespondenzen und Zeitungsberichte. Dabei gelingt es Hamann sehr gut, die einzelnen Facetten von Bertha von Suttner – ihre Zeit im Kaukasus, als Schriftstellerin, als Kämpferin für den Frieden, die Entstehung des Nobelpreises, ihre Einstellung zum Feminismus sowie die politische Entwicklung während des Lebens von Suttner, getrennt und klar zu formulieren. Diese Trennung lässt den Leser die Person Suttner besser und übersichtlicher verstehen. Der Leser erlebt eine ehrgeizige, besessen arbeitende, im Grunde verarmte von Suttner, der es immer wieder gelingt, Menschen für ihre Sache zu begeistern, Geldspender zu finden und ihre Friedensidee durch Einflussnahme auf andere Personen zu unterstützen.

    Auf über 300 Seiten läuft die Zeit zwischen 1850 und 1914 vor den Augen des Lesers ab, lässt nun vieles der damaligen Zeit, die Gründe, die zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs führten, die Anfänge des Deutschnationalismus und andere politische Entwicklungen um die Jahrhundertwende besser verstehen. Hamann schildert an Hand der Aussagen von Suttner auch das Sittenbild der k.k. Monarchie: den Stand der Frau, die liberale Einstellung von Suttner, die bei der Männerwelt auf wenig Gegenliebe, ja auf Hass und Spott traf, die erzkatholische Haltung des Adels und deren Auswirkungen auf Frauen und über die enorme Kriegslust und –hetze in Europa in der damaligen Zeit.

    Diese Lebensgeschichte von Bertha von Suttner ist mehr als nur eine Biografie. Sie schildert verständlich und schonungslos die Zeit des Endes der Monarchie und eines gar nicht so völkerfreundlichen Österreichs. Schon unter Kaiser Franz Joseph I. begann die Hatz gegen Juden –auch in Österreich – Bertha von Suttner sah den „großen Krieg“ kommen und kämpfte im wahrsten Sinn des Wortes bis zu ihrem letzten Atemzug („die Waffen nieder“) gegen Krieg, unerhört – sie starb wenige Tage vor dem Attentat von Sarajewo 1914, das ja bekanntlich den Ersten Weltkrieg ausgelöst hatte.

    Zahlreiche zeitgenössische Bilder, Postkarten und Simplicissimus-Drucke dokumentieren die geschilderte Zeit bildlich, ein genaues Fußnotenregister der Quellenangaben der Zitate sowie ein Schriftverzeichnis vervollständigen es. Ein Buch, das aufrüttelt, auch über 100 Jahre später noch aktuell ist und eine der großen Frauen der Weltgeschichte auf interessante Weise schildert.

    Autorin Brigitte Hamann, erschienen 2013 im Brandstätter Verlag Wien, ISBN 978-3-85033-773-1

    gelesen im September 2013
  • Traumgärten: 100 inspirierende Gestaltungsbeispiele

    Titelbild Traumgärten: 100 inspirierende Gestaltungsbeispiele

    Die kleine Zypressenallee im Garten der Villa Massei in der Toskana, eine auf einem Gartenschuppen gemalte Eule umrankt von 'Clematis montana' (Tetrarose) in Shropshire, ein sich durch den Garten in Norfolk schlängelnder Bach vor einer alten Mühle, Bilder von Gärten im Licht der Morgensonne ' auf gut 350 Seiten mit mehr als 400 animierenden Bildern kann sich der Leser dem Träumen hingeben!

    Da stehen zwei blaue Gartenstühle im Gelbgrün des Gartens von Wollerton Old Hall auf der einen Seite, auf der anderen wächst Rittersporn in fast demselben Blau wie die Stühle im Bild empor; die Hintergrundfarbe des Textes zu Bury Court ist in demselben Braunton gehalten wie die drei Bilder auf dieser Doppelseite, die cremefarbene Rispen von 'Miscanthus transmorrisonensis' und ähnlichen Halmgewächsen zeigen; die Doppelseite von Cannwood Garden zeigt sechs Gartendetails wie Baumstumpfhöhle, Laubensitz u.a. umgeben von blühenden Rosen und Kräutern; und so geht es das ganze Buch hindurch weiter.

    Die Bildqualität ist ausgezeichnet und was mich besonders begeistert, ist die farbliche und Motiv-Abstimmung der Bilder je Doppelseite. Egal, welche Seite ich aufschlage, ob jene mit dem Seerosenteich von Las Navas bei Toledo in Spanien, jene mit dem Bild mit heimische Hänge-Segge, die das Ufer des Holzsteges im Garten von Norfolk säumen oder die Seite über die Skulpturen im 'The Garden in Mind' ' jede Seite begeistert mich aufs Neue und ich finde, die Autoren und der Verlag haben hier ein wirklich gelungenes Kunst-Werk geschaffen!

    Doch nun nehme ich mir wieder das Buch, setze mich auf meine Balkon (in Ermangelung eines Gartens) und träume wieder!

    2012 erschienen im Delius Klasing Verlag, ISBN 978-3768831871

    gelesen im Mai 2012
  • Verschwundene Arbeit - Berufe von anno dazumal

    Titelbild Verschwundene Arbeit - Berufe von anno dazumal

    von Rudi Palla, erschienen 2010 im Brandstätter Verlag, ISBN 978-3-85033-327-6

    „Aufpassen wie ein Haftlmacher“, heißt doch ein Sprichwort, aber was war ein Haftlmacher? Der Taufpate von Joseph Mohr, Textdichter des weltberühmten Weihnachtsliedes „Stille Nacht“, war Abdecker (und Scharfrichter). Sesselträger brachten „Touristen“ auf den Salzburger Hausberg, den Gaisberg. Mandolletikrämer in den Straßen Wiens. Welche Qualitäten musste eigentlich eine Amme haben? Was machte ein Schopper, ein Schinder, eine Fratschlerin, ein Laternenträger?

    Mehr als 200 ausgestorbene Berufe hat Palla auf 250 Seiten aufgelistet. Mal nur wenige Zeilen lang, mal eine ganze Seite erklärt, oft aber auch Beschreibungen über mehrere Seiten finden sich in diesem höchst interessanten Buch. Farbige Abbildungen und Zeichnungen erstaunen den Leser immer wieder. Dieses Lexikon der verschwundenen Berufe ist sehr gut recherchiert, was auch eine dreiseitige Bibliografie (Quellenangaben) untermauert. Der Schwerpunkt, so scheint mir, liegt auf Berufen, die man einst in der österreichischen k.u.k. Monarchie fand. Aber es wird immer wieder auch auf Nachbarstaaten Bezug genommen und Berufe vorgestellt, die es in Mitteleuropa gar nicht gab.

    Der Leser wird des Öfteren ein „aha“-Erlebnis haben, da die Erklärungen viele interessante Informationen zu Tage fördern. Es ist gut verständlich geschrieben. Spezialwissen muss der Leser nicht unbedingt mitbringen, von manchen berufsspezifischen Ausdrucken abgesehen. Ein Buch, das nicht nur Geschichtsbegeisterte erfreuen wird, sondern jedem, der eine nostalgische Ader hat, gefallen könnte.

    21. März 2010

Bilder


Peter Krackowizer, Reise-Experte aus Neumarkt am Wallersee bei Salzburg, Österreich