Lebensfreude und Diskussionen mit Verstorbenen auf Friedhöfen

  • Über Friedhöfe und Allerheiligen

    Halten wir uns einmal kurz vor Augen: In Österreich (und auch Deutschland) überwiegen Friedhöfe unmittelbar um eine Kirche herum; zumindest in der Nähe befindet er sich. In Italien ist das überwiegend aber ganz anders: der Friedhof liegt oft weit weg von der Kirche und zumindest außerhalb des Ortes, einsam, auf einem Feld oder an einem Waldrand. Das hat geschichtliche Wurzeln. Die Römer mussten aus religiösen Grundsätzen ihre Toten stets außerhalb von Orten und Städten begraben. Diese Begräbnisstätten waren den Römern auch sehr heilig. Dies war der Grund, weshalb auch die ersten Christen ihre Begräbnisstätten außerhalb der Wohngebiete haben mussten. In Rom, beispielsweise, bot sich in der Umgebung das leicht zu bearbeitende Vulkangestein an - die Katakomben entstanden. Nicht, dass die Römer nicht wussten, dass sich dort Christen versteckt hielten (wie ja immer wieder zu lesen ist), sondern aufgrund der Heiligkeit des Begräbnisortes von Toten, ließ man Christen so lange ungeschoren, so lange sie sich dort aufhielten.

    Doch zurück zur Gegenwart. Diese außerhalb des Ortsgebiets liegenden Friedhöfe in Italien haben noch weitere Eigenheiten zu bieten. Es fällt auf, dass vor allem am inneren Rand der Friedhöfe kleine Häuschen, Grüfte, stehen. In Italien ist es sehr verbreitet, dass man den Hinterbliebenen mehr oder weniger große Monumente setzt. Eines der schönsten Beispiele dieser Art von Friedhöfe ist der Monumentalfriedhof Staglieno in einem Vorort von Genua.

    Im 19. Jahrhundert setzte die Bevölkerung von Genua alles daran, nach ihrem Tod ein würdiges, monumentales Grabmal zu bekommen. Schon zu Lebzeiten begann man (hart) zu sparen, ließ sich sein Monument meisseln. So setzte sich die Brezelverkäuferin Caterina Campodonico ein lebensnahes Monument. Im Mailänder Friedhof Cimiterio Monumentale finden sich Figuren aus Handel und Industrie. So das Grabmal der Familie Campari, bekannt geworden durch den gleichnamigen Aperitif. Oder jenes der Familie Motta, Erzeuger u. a. des Hefeteigkuchens Gubana. Auch das Grabmal des Komponisten Arturo Toscanini ist auf diesem Friedhof zu finden.

    Zu Allerheiligen, Santi werden die Gräber wie auch hierzulande, festlich geschmückt und beleuchtet, gerne auch schon mal mit elektrischen Grablampen und Plastikblumen. Aber den eigentliche "Höhepunkt" stellt Allerseelen, Morti , dar. Zwischen Santi und Morti trifft sich die Verwandtschaft in ihren Heimatdörfern und am Allerseelen-Tag gehen sie hinaus zu den Gräbern. Um mit ihren verstorbenen Verwandten lautstarke Zwiegespräche zu halten. Diese Sitte der lautstarken Diskussion mit Verblichenen hat sich auch schon die Polizei zunutze gemacht. So wurden auf einem Friedhof in Herkulaneum bei Neapel Mikrofone versteckt, um nach Morti einen der führenden Köpfe der Camorra festnehmen zu können - im Schmerz sprachen Hinterbliebene halt auch das eine oder andere "Geheimnis" aus...

    Autor:
    Peter Krackowizer
    Datum:
    überarbeitet im Sommer 2010
Peter Krackowizer, Reise-Experte & freier Journalist, Neumarkt am Wallersee, Salzburg, Österreich