Über Friedhöfe und Allerheiligen

Halten wir uns einmal kurz vor Augen: In Österreich – und ebenso in Deutschland – findet man Friedhöfe überwiegend unmittelbar um eine Kirche herum oder zumindest in deren Nähe. In Italien ist das jedoch meist ganz anders: Der Friedhof liegt oft weit entfernt von der Kirche und befindet sich in vielen Fällen außerhalb des Ortes, einsam auf einem Feld oder am Rand eines Waldes. Diese Tradition hat geschichtliche Wurzeln. Die Römer mussten aus religiösen Gründen ihre Toten stets außerhalb von Orten und Städten bestatten, und diese Begräbnisstätten galten ihnen als heilig. Aus diesem Grund mussten auch die ersten Christen ihre Toten außerhalb der Wohngebiete beisetzen.

In Rom bot sich dafür das leicht zu bearbeitende Vulkangestein der Umgebung an – so entstanden die Katakomben. Entgegen einer weit verbreiteten Vorstellung wussten die Römer durchaus, dass sich dort Christen aufhielten. Doch aufgrund der Heiligkeit der Begräbnisstätten ließ man sie unbehelligt, solange sie sich in diesen Anlagen aufhielten.

Am Monumentalfriedhof Staglieno in Genua © Eliane Meyer www.pixabay.com

Doch zurück zur Gegenwart. Die außerhalb des Ortsgebiets liegenden Friedhöfe in Italien weisen noch weitere Besonderheiten auf. Auffallend ist vor allem, dass sich entlang des inneren Friedhofsrands kleine Häuschen und Grüfte aneinanderreihen. In Italien ist es weit verbreitet, den Verstorbenen mehr oder weniger große Monumente zu setzen. Eines der eindrucksvollsten Beispiele für diese Tradition ist der Monumentalfriedhof Staglieno (Bild rechts © Eliane Meyer, www.pixabay.com) in einem Vorort von Genua.

Im 19. Jahrhundert setzte die Bevölkerung Genuas alles daran, nach dem Tod ein würdiges, monumentales Grabmal zu erhalten. Schon zu Lebzeiten begann man zu sparen und ließ sich sein persönliches Monument meißeln. So schuf sich etwa die Brezelverkäuferin Caterina Campodonico ein lebensnahes Denkmal. Auch im Mailänder Friedhof Cimitero Monumentale finden sich zahlreiche Grabmäler aus Handel und Industrie: das Grab der Familie Campari, bekannt durch den gleichnamigen Aperitif, oder jenes der Familie Motta, Hersteller des Hefeteigkuchens Gubana. Ebenso befindet sich dort das Grab des Komponisten Arturo Toscanini.

Zu Allerheiligen (Santi) werden die Gräber – wie auch hierzulande – festlich geschmückt und beleuchtet, oft mit elektrischen Grablampen und Plastikblumen. Der eigentliche Höhepunkt ist jedoch Allerseelen (Morti). Zwischen Santi und Morti kehrt die Verwandtschaft in ihre Heimatdörfer zurück, und am Allerseelentag besuchen alle gemeinsam die Gräber. Dort halten sie lautstarke Zwiegespräche mit ihren Verstorbenen – eine Tradition, die tief in der lokalen Kultur verwurzelt ist.

Diese Sitte hat sich sogar die Polizei zunutze gemacht. Auf einem Friedhof in Herkulaneum bei Neapel wurden Mikrofone versteckt, um nach Morti einen führenden Kopf der Camorra festnehmen zu können. Im Schmerz und in der Vertrautheit des Moments verrieten Hinterbliebene so manches „Geheimnis“.
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