Eine Reise zu den kleinen Sehenswürdigkeiten im Veneto

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  • Venezianische Geschichten in der Lagune

    Italien, Venedig, Vaporetto, Treporti

    Brackwasser klatscht an alte Fundamente, es riecht. Oder sollte ich "stinken" sagen? Nein, das wäre der "alten Dame Venedig" nicht angemessen. Touristenströme wälzen sich von Tronchetto mit Vaporetti oder zu Fuß in Richtung Rialtobrücke und Markusplatz. Man sieht Venedig!

    Sieht man es wirklich?

    Etwa fünf Kilometer war er lang, der Weg von Tronchetto zum Markusplatz. Etwa 30 Kilometer lang ist die Lagune von Venedig, in der es allerhand zu sehen gibt.

    Geschichtlicher Schnellkurs

    Blenden wir zurück. Unsichere Zeiten waren es, die Zeiten der Völkerwanderung, lange vor 1000 n. Chr. Der "Dux", eigentlich "Herzog", später "Doge", floh vom Festland auf eine Mini-Insel mit dem Namen Rialto. Dort fühlte er sich vor den wilden durchziehenden Horden sicher. Eigenartig, nur wenige Kilometer Wasser und schon war der Feind, sofern er nicht mit Schwimmflossen ausgestattet war, im entscheidenden Nachteil. Das war der große strategische Vorteil der späteren Stadt: das sie umgebende Wasser!

    Nur einmal in ihrer Geschichte standen Feinde, es waren die Genuesen, mitten in der Lagune. Aber dank ihrer Unkenntnis der Gegebenheiten in der Lagune und dank der Kenntnisse der Venezianer darüber ging auch dieser Versuch blöd für die Angreifer aus. Einmal ging eine Insel schlichtweg in die Luft. Sant Angelo della Polvere, die Insel vom heiligen Anton des Pulvers. Eigentlich war die Insel ja von Ordensleuten bewohnt. Doch beschloss der Rat der Republik Venedig im 16. Jahrhundert auf dieser Insel eine Schießpulverfabrik zu errichten. Diese, von einem Blitz getroffen, flog gewissermaßen samt Insel 1689 in die Luft.

    Mazzorbo, die Schwesterinsel von Burano, war schon zur Zeit der Römer besiedelt. Was aber verblüfft: Torcello hat eine Kathedrale, deren ersten Bau-Wurzeln ins Jahr 639 zurückreichen. Um 1000 n. Chr. lebten auf ihr rund 20 000 Menschen, mehr als in "Venedig" und man anderer, späteren Machtmetropole Europas. Und jene wagemutige Expedition nach Konstantinopel zum Raub der Gebeine des heiligen Markus, des Schutzheiligen von Venedig, nahm hier auf Torcello durch einen Einheimischen seinen Anfang!

    Was also sucht man als Italophiler in Venedig-Stadt?

    Aus dieser Sicht neige ich zur Meinung, dass nicht Venedig Stadt das eigentliche Geheimnis darstellt, sondern dies oder diese in der Lagune zu suchen und finden sind. Nun will ich hier nicht ganze Bücher rezitieren. Nein, ich will mir ein paar Dinge herauspicken, die für mich den Geist Venedigs ausmachen.

    Wasser mit Balken, zumindest Briccole

    Drei mächtige Holzpfosten zusammengenagelt stellen, vervielfältig, die Markierungen der schiffbaren Wasserrinnen in der Lagune dar, briccole genannt. Auf ihnen kann man Möwen und Kormorane beobachten, die reichlich Nahrung in der Lagune finden; und Lampen, Wegweiser für Schiffe bei schlechter Sicht. Die es oft genug gibt, vor allem in der Winterjahreszeit. Es wird ruhiger, je weiter man sich von den touristischen Hochburgen, den Inseln Murano (das ist die mit der Glasindustrie) und Burano (das ist die mit den feinen Spitzen und mit mehr oder weniger nur einer langen Straße mit vielen vielen Souvenirgeschäften) entfernt. Fährt man durch die Lagune, südlich der beiden Genannten, kommt man an der ersten der beiden venezianischen "Gemüseinseln" Sant'Erasmo vorbei - von irgendwoher müssen doch die Trattorien in der Lagune ihre heimischen Produkte beziehen! Mitten in Artischockenfeldern steht der Turm vom Maximilian, dem österreichischen Erzherzog, dem mexikanischen Kaiser, "Torre Massimiliano". Untrügliches Zeichen, dass hier die kk Monarchie für lange Zeit regierte und die Lagune durch Festungsbauten uneinnehmbar machen wollte. Es gab jedoch keinen Versuch, die die Verteidigungsstärke hätte beweisen müssen.

    Klein aber fein, San Francesco del Deserto - nix Nachtisch, Wüste! Eine kleine Klosterinsel, eine Oase der Ruhe. Wer dorthin fährt findet Einsamkeit und Idylle. Dann kommt "Lazzaretto Nuovo", die "neue Lazarett-Insel", aber die passt mir jetzt hier gar nicht so recht in meine Erzählung. Später, vielleicht. Folgt "Le Vignole". Das ist so was wie ein Geheimtipp der Venezianer, Ausflugsziel am Wochenende, Flucht vor den Touristen. Und die zweite "Gemüseinsel" der Lagune, obwohl "Vignole" Weingärten im venezianischen Dialekt bedeutet und sich doch gar keine solchen auf der Insel befinden. Die Fahrt führt nun am Südzipfel der Stadt Venedig vorbei, im Süden der Lido und eine der drei Öffnungen zur Adria. Aber davon später. San Lazzaro degli Armeni, noch eine Klosterinsel, mit absolut sehenswerten Inhalt. Kirche, Kloster, Refektorium, hochmoderne Bibliothek. In Sichtweite dieser Insel liegen die Inseln San Servolo und Lazzaretto Vecchio.

    Zwei Inseln mit eher düsterer venezianischer Vergangenheit.

    Fromme Benediktiner bevölkerten San Servolo einst und befassten sich viel mit Heilkunst, Armen und Kranken. Das brachte den venezianische Rat der Zehn 1725 zum dunklen Entschluss,auf jener Insel ein Heim für Verrückte aus vornehmen Familien zu erbauen. Heute beherbergen Gebäude der Insel, die schön weiß getüncht sind, die "Venice International University" und ein "Europäisches Zentrum für Kunsthandwerk". Was man so alles machen kann!

    Lazzaretto Vecchio war die alte Quarantänestation der Seerepublik. Zu Zeiten der Pest bedeutete es den sicheren Tod, wenn man auf diese Insel gebracht wurde. Es gab kein Zurück mehr. Etwas nördlich von den genannten Inseln noch eine, die für Venedig einst sehr wichtig war. San Clemente, die Quarantäne-Insel für die Schiffsreisenden. Schließlich hatte man oft genug die Pest in der Stadt und wollte Vorsorge treffen. Und weil wir gerade bei geschichtlichen Grausamkeiten der Venezianer sind, besuchen wir noch die westlich gelegene Insel Poveglia. Kirche San Vitale zerstört, Grand Hotel schon längst geschlossen. Schließlich wurde sie vom Chef des mächtigen Agrarkonzerns Ferruzzi, Raoul Gardini, gekauft. Aber auf dem Stadtpalazzo, in dem Gardini residierte, lastet ein Fluch und so war es den Venezianern klar, dass es nur eine Frage der Zeit sei: Gardini ging bankrott, er erschoss sich, seine Frau ging ins Kloster, die Insel wurde verkauft. Und still ist es wieder auf Poveglia geworden.

    Lieblicheres aus der Lagune

    Ja, ja, die Venezianer wussten, wie sie sich und ihren Reichtum einst schützten. Doch genug der düsteren Szenari - fahren wir an jenen mächtigen Wall, der die Lagune vom offenen Meer trennt, entlang: Beginnen wir im Osten, von Jesolo kommend, bei der Festlandzunge mit Punta Sabbioni. Es folgt die Meeresöffnung "Porto di Lido" dann der Lido di Venezia mit seinen mondänen Hotels und einem kleinen Sportflugzeuglandeplatz (Sachen gibt's in Venedig!). Jetzt sind wir eigentlich auf einem der beiden "Herzstücke" der Absperrungen, dem Malamocco . Und je weiter man westwärts auf dieser Landzunge von Meer umgeben fährt, desto venezianischer wird es. Nein, desto italienischer wird es. Denn Touristen hier? Eher nein! Der "Porto di Malamocco" ist die zweite Öffnung in die Lagune, die industriellere Öffnung, wenn ich das so formulieren darf. Denn hier läuft der Seeverkehr vom Hafen Mestre ein und aus. Klar, die folgende Landzunge Pellestrina gehört nur den Einheimischen oder Italophilen. Wer sonst, fährt bei seinem "Venedig"-Besuch quer durch die westliche Lagune, um Ruhe, Beschaulichkeit und keine Sehenswürdigkeit vorzufinden. In der Lagune von Venedig, aber nicht in Venedig, ist man auf Pellestrina, das merkt man hier gleich. Da nimmt das Leben noch beschaulicher seinen Gang. Noch ein letzter "Sprung" über die dritte Lagunenöffnung, Porto Chioggia, und man befindet sich - zunächst in Sottomarina, Lagunen einwärts in Chioggia. Beste Fischrestaurants! Mein lieber Mann!

    So, das war jetzt die Schnellvisite durch die Lagune Venedigs und deren weniger bekannte Ecken. Wem es zu wenig war, dem empfehle ich diverse Literatur, unter anderem auf meinen Literaturseiten. Aber, sind wir doch ehrlich: was nützt einem ein Büchl? Selbst hinfahren und genießen, das ist die Devise!
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    Autor:
    Peter Krackowizer
    Datum:
    überarbeitet im Sommer 2010
Peter Krackowizer, Reise-Experte & freier Journalist, Neumarkt am Wallersee, Salzburg, Österreich