Zwischen Gardasee und Po: Mantua und das geschichtsträchtige Mincio‑Tal
Mantua, über die italienischen Autobahnen gut erreichbar, ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz am Fluss Mincio. Dieser bildet den einzigen Abfluss des rund 60 Kilometer nördlich gelegenen Gardasees und mündet südlich von Mantua in den Po.
Die Provinz liegt in der Lombardei, der viertgrößten Region Italiens. Hier herrscht ein ausgeprägt kontinentales Klima mit nebelreichen Wintern und heißen Sommern. Ganz anders präsentieren sich die großen Seen der Region – Lago Maggiore, Comer See, Iseosee und Gardasee –, die als mediterrane „Klima-Inseln“ gelten.
Wer vom Gardasee her kommt, fährt durch das Mincio-Tal. Die Landschaft erinnert an das französische Loire-Tal: Erlen am Ufer, alte Villen hinter bröckelnden Mauern, Entengeschnatter und Brücken, die sich im Wasser spiegeln. So friedlich der Mincio heute wirkt, so blutig ist seine Geschichte. Die Felder und Weinberge beiderseits des Flusses waren Schauplatz zahlreicher Schlachten: Solferino, Custoza, Goito, Sommacampagna, Valeggio – die Liste ist lang. Kein Zufall: Wer die Festung Peschiera am Südufer des Gardasees kontrollierte, beherrschte das Tor zur Lombardei und nach Venetien.
Auch Giangaleazzo Visconti, Herr von Mailand, erkannte die strategische Bedeutung des Flusses. Um Mantua zu schwächen, ließ er 1393 bei Borghetto di Valeggio einen gewaltigen Damm errichten: 600 Meter lang, 26 Meter breit und 10 Meter hoch, mit Torbauten, langen Kurtinen und 14 Türmen. Die Anlage wurde erst 1702 von französischen Truppen gesprengt.
Mantua selbst liegt an einer Stelle, an der der Mincio zu zwei Seen aufgestaut ist. Die Stadtgeschichte reicht weit zurück: Schon die Etrusker erhoben den Ort zur Stadt. In der Nähe, im damaligen Dorf Andes (heute Pietole, Gemeinde Virgilio), wurde der Dichter Vergil geboren. Nach der Zeit der Völkerwanderung fiel Mantua an die Familie Canossa, später wechselten verschiedene Herrscher.
Die für die Stadtentwicklung bedeutendste Dynastie waren jedoch die Gonzaga. Sie errichteten den riesigen Palazzo Te, ein Ensemble aus mehreren verbundenen Gebäuden mit rund 34.000 m² Fläche und etwa 500 Räumen. Höfe, Plätze und Gärten ergänzen die Anlage. Im Herzogspalast befinden sich wertvolle Werke von Rubens, Bonsignore, Moroni, Tintoretto und anderen.
Weitere wichtige Sehenswürdigkeiten sind die Kirchen San Sebastiano und Sant’Andrea, beide von Leon Battista Alberti entworfen, sowie der Palazzo del Podestà, der Palazzo della Ragione und das Teatro Sociale (1822). Arkadengänge, enge Gassen und eine hervorragende Gastronomie machen Mantua zu einem besonders angenehmen Aufenthaltsort.
Einige Kilometer außerhalb liegt die Wallfahrtskirche Santa Maria delle Grazie, (siehe meinen Beitrag unten) berühmt für ihre ungewöhnliche Innenausstattung: ein präpariertes Krokodil, Votivgaben wie Krücken und Darstellungen von Rettungen aus Notlagen – ein eindrucksvolles Zeugnis volkstümlicher Frömmigkeit.
Ein weiteres Kleinod der Provinz ist Sabbioneta,
eine Idealstadt, die ab 1558 von Vespasiano Gonzaga geplant und errichtet wurde. Sie folgt
einem streng geometrischen Konzept, das Kultur, Politik und Militärwesen verbinden sollte.
Zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten zählen die Maria-Himmelfahrts-Kirche, das Kaisertor
(Kaiser Rudolf II. gewidmet), die Krönungskirche mit dem Mausoleum Vespasianos,
das Theater – ein Bindeglied zwischen den Bühnen von Vicenza und Parma –,
die Synagoge, der rund 100 Meter lange Corridor Grande sowie der Herzogspalast.
Nach 15 Stunden Kampf lagen über 40.000 Tote und Verwundete auf dem Feld.
Der Schweizer Henry Dunant, Augenzeuge des Grauens, wurde dadurch zur Gründung der Rotkreuz-Bewegung inspiriert. Mehr über die geschichtlichen Zusammenhänge mit dem Kaisertum Österreich lesen Sie in meinen Beitrag Die Schlacht von Solferino
Das Krokodil von Santa Maria delle Grazie
Etwa neun Kilometer westlich des Stadtzentrums von Mantua steht am Ufer des Mincio die Kirche Santa Maria delle Grazie. Sie wurde zwischen 1399 und 1406 im Auftrag von Francesco I. Gonzaga als Wallfahrtskirche gebaut, der so der Madonna dafür danken wollte, dass sie der Pest Einhalt geboten hat. Sie ist – draußen – ein Beispiel lombardischer Gotik aber die Überraschung kommt sofort nach der Tür.
Innen hat sie entlang der Seitenwände eine Reihe von Loggen und Holznischen, in denen 53 Statuen aus Holz, Gips und Wachs stehen, die der Kirche „für erwiesen Gunst“ vermacht wurden.
An der Decke fällt der Blick auf ein ausgestopftes und in Ketten geschlagenes Krokodil.
Es wurde 1603 von Ippolito Donesmondi folgendermaßen erklärt:
„Vor nunmehr hundert Jahren wurde es in den Gräben von Curtatone entdeckt,
wo es großen Schaden anrichtete. Eines Morgens griff es plötzlich zwei Brüder an,
die gemeinsam auf dem Damm des Grabens unterwegs waren. Es tötete den einen, während
der andere, der sah, dass er nicht fliehen konnte, sich ein Herz fasste und sich
dieser glorwürdigsten Jungfrau empfahl. Mit einer langen Axt, die er bei sich hatte,
griff er das Tier an und tötete es. Danach wurde es gehäutet, und die mit Stroh ausgestopfte Haut wurde aufgehängt, wie man sie heute sieht.“
Es könnte jedoch auch aus der Waffenkammer der Gonzaga stammen, in der sich nachweislich zwei solcher Exemplare befanden.
Um die Anwesenheit dieses exotischen Tieres in den Gewässern nahe dem Heiligtum zu erklären, wurde außerdem die Hypothese aufgestellt, dass es aus dem zoologischen Garten entflohen sei, den die Gonzaga im nicht weit entfernten Bosco Fontana unterhielten.